Seit 1945 lebte Willi Baumeister - nach längeren Aufenthalten während der letzten Kriegsjahre in Bad Urach und am Bodensee - wieder in seinem Haus in der Gerokstraße, im Stuttgarter Gänsheideviertel. Sein Atelier hatte er nur einen Steinwurf weiter, nämlich in der benachbarten Villa Oppenheimer, an deren Stelle sich heute der Holtzbrinckverlag befindet. Poldi Dombergers Werkstatt war in der gleichen Villa untergebracht. Unter seiner Hand entstanden dort die ersten künstlerischen Siebdrucke in Europa und das gesamte Siebdruckwerk Baumeisters. In der Nachbarschaft wohnte der Nervenarzt Ottomar Domnick, dessen Sammelleidenschaft für die Künstler der Abstraktion sich in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende entzündete. Gleich daneben lebte der für die Moderne eintretende Kunsthistoriker Hans Hildebrandt mit seiner Frau Lily, selbst Künstlerin; ein Stück weiter unten der Maler Alfred Eichhorn, der die Lithographien der Eidos-Presse für Baumeister druckte. Und wiederum nur einige Häuser davon entfernt, verlegte Gerd Hatje lange Jahre seine Bücher. Zum gegenseitigen Austausch trafen sich die avantgardistischen Geister im Restaurant „Bubenbad“, lediglich ein paar Gehminuten von Willi Baumeisters Haus und Atelier entfernt. Max Bense, ebenso wie die Designer Wilhelm Wagenfeld und Hans Warnecke, der Fotograph Adolf Lazi, der Kunsthändler Otto Lutz, ebenso wie der Galerist Herbert Herrmann, der von 1947-1948 in der Stuttgarter Königstraße eine Galerie für moderne Kunst führte, oder Kurt Leonhard, Kunstschriftsteller und Dichter, und viele andere nationale, aber auch internationale Gäste suchten den Bubenbad-Kreis auf, als ein Sammelbecken progressiv ausgerichteter Köpfe.
In unserer Ausstellung dokumentieren wir die Jahre von 1945 bis zu Baumeisters Todesjahr 1955.
Wir zeigen Gemälde, Zeichnungen, Lithographien und Serigraphien von Willi Baumeister sowie Werkbeispiele und Objekte einiger seiner Kollegen, die dem Bubenbad-Kreis angehörten, wie Alfred Eichhorn oder die Designer Wilhelm Wagenfeld und Hans Warnecke, oder durch das Engagement des Sammlers Domnick vertreten waren, wie Fritz Winter, Otto Ritschl, Max Ackermann, Adolf Meistermann u.a. sowie diverse Dokumente, Fotos und Filme, die das Zeitambiente von damals illustrieren sollen.
Kunst und Kultur spielten im Stuttgarter Gänsheideviertel stets eine Rolle. Seit dem 19. Jahrhundert lebten und wirkten rund ums Bubenbad Künstler, Schriftsteller, Grafiker, Sammler und Verlage. Dieser „Genius loci“, von dem wir quasi selbst „betroffen“ sind, indem die Galerie Valentien bereits seit den 70er Jahren hier Kunstpräsentationen ausrichtet, ist Ausgangspunkt unserer Ausstellung, deren Konzeption in Zusammenarbeit mit der Kunststiftung Baden-Württemberg und mit Unterstützung des Archivs Baumeister entstanden ist: Unser besonderes Interesse gilt der jüngeren Geschichte, den ersten 10 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Unser Blick richtet sich aber auch mit ebenso großer Intensität auf unsere unmittelbare Gegenwart, die sich künstlerisch nur ein paar Häuser weiter abspielt, im Haus der Kunststiftung Baden-Württemberg, die sich vor genau 30 Jahren hier oben auf der Gänsheide eingerichtet hat. Parallel zur Ausstellung in der Galerie Valentien zeigen dort Stipendiaten Arbeiten, die sie in direkter Auseinandersetzung mit dem Ort zum Thema „Genius loci“, „Künstlerhaus“, „Künstlerfreundschaft“, „Kunstförderung“, „Kunstsammler“ etc. entwickelt haben.
Begleitend zu unserer Ausstellung bieten wir am art alarmWochenende Führungen durch das Gänsheideviertel an, während derer die Teilnehmer alle Orte kennenlernen werden, die für das kulturelle Leben auf dem „Kunstbuckel“ wie das Gänsheideviertel nach dem Krieg auch genannt wurde von Bedeutung sind. Die Führungen mit Jörg Kurz finden statt am Samstag, dem 15., und Sonntag, dem 16. September, jeweils um 15 Uhr, Treffpunkt ist die Galerie Valentien.
Weitere Begleitveranstaltungen:
5.10.07, 19 Uhr, Kunststiftung: "Immer der Ausblick ins Weite" - Literarische Spuren auf der Gänsheide. Mit Texten von Hölderlin, Hackländer und Huby. Ein Abend mit Irene Ferchl (Stipendiatin 1993) und Susanne Fritz (Stipendiatin 2000)
10.10.07, 18 Uhr, Galerie Valentien: "Bild und Bühne" - Führung durch die Ausstellung in der Galerie Valentien mit anschließendem Besuch der Präsentation "Im Rampenlicht. Willi Baumeister als Bühnenbildner" im Kunstmuseum Stuttgart. Ein Vergleich von Baumeisters Kunstkonzeption in Malerei und Graphik mit seinen Bühnenbildern, eingeführt von Anja Rumig (Galerie Valentien) und Hadwig Goez (Archiv Baumeister).
12.10.07, 19 Uhr, Galerie Valentien: Vortrag von Dr. Werner Esser, Kurator der Sammlung Domnick, "Weltsprache Abstraktion: Ottomar Domnick, früher Rufer in der Wüste". Gezeigt werden auch die beiden Filme von Ottmar Domnick "Neue Kunst - Neues Sehen" (1950) und "Willi Baumeister" (1954)
19.10.07, 19 Uhr, Kunststiftung: "Wedding Blues" - Eine literarisch-musikalische Performance von Carmen Kotarski (Stipendiatin 1985) und Steffen Moddrow (Stipendiat 2001)